der leere raum

18. Oktober 2010

randgruppentraining.

Abgelegt unter: Allgemein — claudia @ 18. Oktober 2010

im april 2009 bin ich nach essen gezogen und habe für diesen neuanfang mein leben in bremerhaven aufgegeben. gute auftraggeber, nette kollegen, tolle kleine und größere theaterprojekte und viele junge leute (meine schüler), mit denen ich sehr gerne gearbeitet habe.

in essen angekommen war erste priorität, schnellstmöglich meine existenz zu sichern, menschen kennenzulernen und meine arbeit bekannt zu machen. zunächst musste ich überleben können, dann wollte ich wieder “richtiges” theater machen. also stücke inszenieren. und ich begann, zu unterrichten.

ich arbeite mit sogenannten “gesellschaftlichen randgruppen”, also menschen, die sich nicht in eine schublade von normalität (was auch immer das ist) einordnen lassen, genauer gesagt sind es menschen, die von der gesellschaft “ausgeordnet” werden.
da sind z. b. frauen, die sich nach der babypause oder ähnlichen unterbrechungen beruflich neu orientieren und/oder wiedereinsteigen wollen. es sind frauen aus aller herren länder, sogenannte “migrantinnen”, die unter anderem deutsch lernen und in unsere gesellschaft eingebunden werden sollen. ich arbeite auch mit seniorinnen und senioren, und neuerdings (genauergesagt seit heute) mit einer gemischten gruppe von frauen und männern, und zwar sogenannten “alg2-empfängern”, die der weiteren “randgruppe” “50plus” angehören.

wer sich am begriff “randgruppe” stört, mag sich bitte an behörden wie die agentur für arbeit, das jobcenter und unter anderem auch die deutsche wirtschaft wenden, die haben ihn erfunden und machten und machen ihn möglich.

ich unterrichte und lerne täglich für mein leben.
und schäme mich für mich und für meine landsleute und -leutinnen für diesen begriff, denn ich treffe keine “randgruppen”, sondern MENSCHEN. menschen unterschiedlicher hautfarbe, verschiedensten alters, kultur und mit unterschiedlichsten schicksalen, die mehr erlebt haben als manch eine/r sich vorstellen kann, die/der sicher und warm in ihrem/seinem vertrauten leben sitzt und seine (vielleicht auch unbewussten) vorurteile hegt, weil er ganz einfach niemanden von diesen menschen persönlich kennenlernt, und dazu habe ich bis vor einem jahr auch noch gehört und tue es teils noch.

wie auch? und wo?
(wann treffe ich z. b. eine schwarzafrikanerin und komme mit ihr ins gespräch?)
es gibt sehr wenig schnittpunkte dafür in unserer gesellschaft.

aber ausgrenzung gibt es.
das scheint die erste und oft einzige reaktion auf fremdheit oder anderssein zu sein, die der mensch kennt.

und auch ich habe vorurteile. ich werde tagtäglich (in meiner arbeit) mit ihnen konfrontiert.

vor kurzem hatte ich eine kleine identitätskrise. ich dachte nämlich, ich sei keine richtige künstlerin mehr. weil ich noch immer “nur unterrichte” und nicht “inszeniere”, aber langsam wieder zeit und kraft dazu hätte.

aber jetzt gerade frage ich mich ernsthaft, ob es nicht das bessere theater, nämlich das echte leben, ist, das ich erlebe. bzw. die besseren, wahrhaftigeren geschichten, die ich höre. was ich nämlich höre, täglich neu, ist so unfassbar, so unglaublich. was menschen erleben und erlebt haben und mir erzählen, ist so viel spannender als ein ausgedachtes stück literatur. das tatsächliche drama daran ist, dass es wahr ist. aber die wunderbaren menschen, die ich treffe, sind auch wahr.

in dieser arbeit mit diesen “randgruppen” habe ich größtmögliche annahme, gastfreundschaft und offenheit erlebt. ich sitze seit mehr als einem jahr als einzige deutsche unter lauter türkinnen und frühstücke, und ich habe niemals, kein einziges mal, einen merkwürdigen blick, ein böses wort, eine falsche schwingung empfangen. ich spüre annahme, offenheit und freundschaft, auch wenn ich oft (ähhh meistens) kein wort verstehe. ich habe vieles gelernt über die mir fremde kultur, bekomme bereitwillig erklärt, wonach ich frage und stoße auf freude darüber, dass überhaupt einmal jemand fragt (zum beispiel: “warum trägst du ein kopftuch?”). ich erhalte auf alles, wonach ich frage, eine antwort und die ist immer freundlich.
das ist kein verhalten, wofür ich meine hand ins feuer legen würde, würde eine türkische (oder anders nichteuropäische) frau in eine deutsche frauengruppe kommen. darüber habe ich viel nachgedacht, lasse mich aber gern eines besseren belehren.

wenn ich sage, ich unterrichte, meine ich, wir spielen gemeinsam theater.

und wenn ich das erste mal sage, “ich mache theater”, bin ich eine fremde unter fast allen menschen, die ich treffe. die wenigsten leute antworten mit “toll, wie interessant!” oder “erzähl mir, was du machst!”.

“theater ist nicht meine welt”, “ich bin nicht für die bühne geeignet”, “textlernen ist nicht so mein ding”, “ich bin nicht intellektuell genug für theater”, “mit theater kann ich nix anfangen”, “theater ist langweilig” oder “ich kann nicht gut genug deutsch” sind die standardsätze, die ich höre. ich kann das auch gut verstehen. ich gehe nicht gern ins theater. ich finde es meist langweilig und bin enttäuscht, weil ich mich nicht berührt fühle von dem was ich sehe.

am liebsten gucke ich stücke von freien gruppen und von amateuren. da empfinde ich das feuer und die begeisterung mit, da fühle ich lust auf der bühne und freude und ich kann mitgehen und mich vergessen.

ich bin keine theaterpädagogin und ich arbeite nicht pädagogisch.
bei mir lernt man trotzdem keinen text auswendig, man muss nicht fließend deutsch können und wenn es langweilig wird, läuft grundsätzlich etwas falsch. ich erwarte und erbitte absolute ehrlichkeit, keiner muss etwas tun, was er oder sie nicht will und mir ist vor allen dingen wichtig, dass es spaß macht, was wir tun. fehlermachen ist erwünscht, gutsein (oder gar besser) ist langweilig und überflüssig und fairness innerhalb der gruppe ist das a und o.

wenn ich das erkläre, ist der bann IMMER gebrochen. nach einer halben stunde training haben sie meistens vergessen, dass sie je vorbehalte hatten. und das ist, erstaunlicherweise, in jeder gruppenkonstellation so. (ich hatte bis heute morgen das vorurteil, in einer gemischten gruppe - also männer und frauen - wäre das SCHWIERIG. aber ich habe mich getäuscht.)

und so trifft randgruppe auf randgruppe und ergänzt sich prima. das theater verbindet menschen auf eine unglaubliche weise. wir spielen und manchmal lernen wir erst, zu spielen. es geht um freude und um kreativität und dann ist es so egal, ob jemand jung, alt, gelb, grün, schwarz oder lila ist. es geht um begegnung, es geht um kontakt und kommunikation. es geht darum, sich gegenseitig und das publikum zu berühren, echt zu sein, authentisch und voller freude - und dabei sind alle menschen gleich.

was das theater lehren kann, tut es durch sich selbst.
ich kann das nur deutlich machen durch das reflektieren in der gruppe und das sehe ich durchaus als meine aufgabe. denn ich bin die fachfrau. theaterspielfachfrau. ich leite an. ich trage die verantwortung.

ich muss nicht die sprache verstehen, um zu wissen wie jemand sich fühlt.
und das ist die qualität von theater. das hat für mich nichts mit intellektualität zu tun, nichts mit bildung und nichts mit großer kunst. wenn ich im theater nicht berührt werde (und das ist leider viel zu oft der fall), ist das nicht mein problem als zuschauer, sondern das des theaterschaffenden.

theater ist die kunst, gute geschichten zu erzählen und zu berühren. nicht mehr und nicht weniger.

wird der zuschauer nicht berührt, hat das theater versagt.

jeder mensch kann spüren, wann er berührt ist und wann nicht und tut unbedingt gut daran, sich selbst diesbezüglich zu vertrauen.

warum und wie es funktioniert, dass theater den menschen berührt, das beschäftigt mich, seit ich theater mache. mein ziel ist es, zu berühren, mit allem was ich mache.

die begeisterung, die ich selbst spüre und auch bei den menschen erlebe, mit denen ich arbeite, möchte ich gerne mit euch teilen. ich möchte euch von den menschen erzählen, mit denen ich zu tun habe, während ich unterrichte.
und ich möchte von euch geschichten hören oder lesen, eure meinung hören oder lesen und eine rückmeldung bekommen.

wenn ihr wollt.
ich würde mich freuen!

premiere.

Abgelegt unter: Allgemein — claudia @ 18. Oktober 2010

so. dies ist also mein erster blogbeitrag!
ein bisschen merkwürdig, gefühlt so ins nichts zu schreiben. aber es drängt mich.

vielleicht fragst du dich, warum ich zwei blogs habe. (meine internetseite www.der-leere-raum.de ist auch ein blogsystem.)
weil ich das dortige blog nutze, um meine einzelnen projekte zu beschreiben und zu zeigen, und dieses blog hier bei theaterblogs.de nutzen möchte, um ÜBER meine einzelnen projekte zu schreiben und davon zu erzählen, was ich während und durch meine arbeit erlebe.

was ich mir sehr wünsche ist austausch in jeder hinsicht - künstlerisch und menschlich.
und ich wünsche viel spaß beim lesen!